Archiv für 23. Mai 2008

Vietnamesischer Verkehr

Straßenverkehr. Jetzt bin ich ein paar Donnerstage in Vietnam, und mein Verhältnis zum Vietnamesischen Straßenverkehr hat sich sehr gewandelt. Am ersten Tag war ich einer von vielen Newbies, der verzweifelt – und Ordnung gewöhnt – am Zebrastreifen oder einer Ampel wartete und hoffte, dieses Wirrwarr an Mopeds und vereinzelt sich mühsam durch die Mopeds kämpfenden Autos würde mal freundlicherweise kurz für mich anhalten. Dem ist aber nicht so. Es ist vielmehr so, dass man sich schon die Bewegungsfreiheit nehmen muss – der Vietnamesische Verkehr schenkt sie einem nicht.

Die viel zitierten Regeln, eine viel befahrene Straße zu überqueren, führe ich der Vollständigkeit halber hier noch mal an:

1. Entscheide Dich zu Anfang für eine gewisse Schrittgeschwindigkeit und geh los.
2. Ändere diese Geschwindigkeit nie, und bleib um Himmels willen nicht stehen.

Mit diesen einfachen zwei Regeln wird man in Vietnam mühelos jede Straße überqueren können. Allerdings wird es bei den ersten Malen zu ordentlichen Adrenalinausstößen kommen, das ist sicher.

Zu Erläuterung: Auf Ampeln oder Zebrastreifen zu hoffen ist zwecklos. Zwar gibt es diese „Regeln“ schon seit einigen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, aber das ist schließlich noch nicht lang genug um sich wirklich dran zu gewöhnen. Viele Verkehrsteilnehmer sind immer wieder überrascht über die weißen Streifen auf der Straße oder die bunten Lichter an den Kreuzungen, schenken diesen aber nicht wirklich Aufmerksamkeit – jedoch lenken sie durch wildes Hupen die Aufmerksamkeit auf sich selber „HERE I COME“, so dass verhältnismäßig wenig passiert.

Auch als aktiver Verkehrsteilnehmer kann man eigentlich alles, was man in der heimischen Fahrschule gelernt hat, vergessen. Zunächst ist festzuhalten, dass sowohl der EU als auch der internationale Führerschein überhaupt keine Bedeutung hier haben. Für eine 125er braucht man aber keinen, bzw. man lässt die Ausländer eben gewähren. Ab und an soll es zu kleinen Kontrollen kommen, die jedoch mit kleinen Geldgeschenken regelmäßig ein gutes Ende nehmen. Selbst wenn man mich kontrollieren sollte, bleibt mir nur zu sagen, dass mein Führerschein als Pfand beim Mopedverleih liegt. Ebenfalls gängige Praxis.

Und so eine 125er ist eigentlich sehr einfach zu bedienen. Gas, Bremse, Hupe. Damit kommt man durch. Irgendwie ist es ähnlich wie in dem schrecklichen Film „Dirty Dancing“, „mein Tanzbereich – Dein Tanzbereich“. Man muss sich seinen Tanzbereich freihupen. Auch nur präventiv, immer mal zwischendurch auf die Hupe drücken um zu zeigen „HERE I COME“. Im Schnitt fahren Mopeds 35 km/h, Autos viel langsamer, da die ganzen Mopeds echt dreist fahren (und ich auch!).

thuongMein morgendlicher Weg zur Arbeit ist eigentlich ganz easy. Mittlerweile. Es gibt da nämlich eine ganz besondere Kreuzung. ICh muss von rechts unten „Ly Thuong Kiet“ nach links oben fahren. Und an der Stelle, wo die andere Straße meine Straße schrägt kreuzt, ist eine Ampel. Aber was haben wir gerade über Ampeln gelernt? Richtig. Aber es kommt noch besser! Diese Wahnsinnigen aus dem Department für Straßenplanung haben doch tatsächlich die Ampeln so eingestellt, dass sowohl die Ly Thuon Kiet als auch die schräg kreuzende Straße gleichzeitig grün haben! Beim ersten Mal dachte ich, ich müßte sterben. Mittlerweile hab ich aber den Dreh raus. Fuß in Hab-Acht-Stellung auf der Bremse, falls es schief geht, ansonsten Hupe benutzen wie blöd und einfach stur geradeaus gucken. Das macht Eindruck. Sobald man nämlich Blickkontakt mit dem Gegenverkehr aufnimmt wird das ausgelegt als „Ah, Weichei, haste mich gesehen? Dann fahr ich jetzt!“. Und dann muss man bremsen.

Ich komm mittlerweile echt gut klar. Und wenn ich wieder in Deutschland brauche ich wohl erst mal wieder ein paar Fahrstunden.


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